Seht, da ist der Mensch!


„Da ging Jesus heraus und trug eine Dornenkrone und ein Purpurkleid. Und Pilatus spricht zu ihnen: Sehet, welch ein Mensch!" (Joh. 19:5)

Während man im Bulgarischen unter dem Wort "Mensch" ein Wesen versteht, das ein ganzes Jahrhundert lang lebt, bedeutet in der ursprünglichen Sprache, in der Sprache, in der dieser Ausdruck geschrieben wurde, "Mensch" (auf bulgarisch: ÷îâåê, sprich: tschovék) etwas anderes: Es bedeutet Jesus, der Mensch, der auf die Erde kommt, der Mit-leidende. Wie sollen wir diese Worte verstehen? Können die Leute, wenn wir vor die Welt treten, von uns sagen: „Da ist der Mensch!"? Um mit diesem Namen ausgezeichnet zu werden, muß man in sich folgende vier Dinge vereinigen: Reichtum, Kraft, Wissen und Tugend. Ihr werdet aber sagen: „Was hat hier der Reichtum zu suchen?" - Der Reichtum ist der Ackerboden, die Bedingung, unter der sich der Mensch entwickeln kann; es ist der Ackerboden, auf dem sich die Kraft entwickelt. Und diese spendet Wärme und Licht, was das Wachstum, die Entwicklung fördert. Das Wissen ist die Methode, durch die unser Leben erkannt und geordnet werden muß. Die Tugend schließlich ist das Ziel, nach dem wir streben müssen. Oft stellen die Menschen die Frage: „Was sollen wir tun?" - Säet ein Weizenkorn und es zeigt euch, was ihr zu tun habt! „Wie?", werdet ihr fragen. - Sorgt für genügend Feuchtigkeit, und dann zeigen euch die Sonnenstrahlen, wonach das Weizenkorn strebt - nach einer Richtung - zur Sonne hin, hin zur Lebensquelle! Auch wir müssen wie das Weizenkorn wachsen - wir müssen zu Gott streben.
Es könnte jemand fragen: „Wenn nun das Weizenkorn ausgewachsen ist, hat es denn dann die Sonne erreicht? Schließlich will ich Gott finden!" - Es ist für dich unwichtig zu wissen, wo Gott ist, du brauchst nur nach Ihm zu streben. Das Korn hat verstanden, was Sonne bedeutet und hat sich ihren Gesetzen gefügt. Für uns gilt dasselbe Gesetz, - auch wir müssen zum selben Schluß kommen. Auch wir müssen gesät werden. Das Leben wird uns mit Sicherheit Schwierigkeiten bereiten, diese kleinen, aber notwendigen Hindernisse aufstellen, genauso wie das Korn einen gewissen (Luft-) druck benötigt, um mit seinem Wachstum beginnen zu können, d. h. mit dem Wissen. Die Frucht, die es dann trägt, ist die Tugend. Wir müssen also gesät werden, brauchen etwas Ackerboden, gewissen Druck, müssen nach oben wachsen und Wissen gewinnen. Dieses Wissen, nachdem es eine gewisse Stufe erreicht hat, verwandelt sich sofort in ein Weizenkorn. Danach läßt Der Herr den Weizen abernten, trennt das Nötige vom Unnötigen ab - den Weizen von der Spreu. Wir werden geboren - das bedeutet, wir sprießen hervor; wir wachsen auf, entwickeln uns, sterben und werden zu Grabe getragen - das bedeutet Dreschen. Von der Tenne wird Der Herr jenes sammeln, was Er braucht. Das entspricht dem Bild von der Scheune und dem Kornboden: Die Spreu trägt man in die Scheune, und die Körner - auf den Kornboden.

Ich habe euch das neunzehnte Kapitel des Johannesevangeliums vorgelesen, damit ihr die vier Sachen erseht, die Christus am Kreuz trug - vier Sachen, die auch wir begreifen müssen. Ordnen wir die Tugend dem Kopf zu, der ja, wie wir wissen, nicht angenagelt war, das Wissen der linken Seite, die Kraft der rechten, und der Reichtum den Füßen unten. Schon haben wir den gekreuzigten Menschen! Indem der Reichtum, die Macht und das Wissen festgenagelt werden, erheben sich deren Säfte zum Kopf, zur Tugend. Wenn Der Herr vorhat, einen Menschen zum Guten zu bekehren, nagelt Er ihn fest, seine Reichtümer, seine Macht, sein Wissen. Was aber bedeutet das Festnageln? Die Güter kommen in Verwahrung, damit nichts abhanden kommt, damit kein anderer über sie verfügt, denn Der Herr ist es, der verfügt. Er sagt: „Wenn Ich arbeite, kannst du beruhigt sein!" Weil der Mensch aber nicht ruhig bleiben will, sagt Der Herr: „Nagelt ihn fest, damit Ich in Ruhe arbeiten kann!" Wenn man uns ans Kreuz nagelt, dürfen wir nicht weinen, denn Der Herr arbeitet ja in der Zwischenzeit für uns. Unglücklich ist jener, der nicht ans Kreuz genagelt ist. Wer will, daß Der Herr sich mit ihm beschäftigt, muß diesen Prozeß der Entwicklung durchlaufen. Ich spreche euch in Gleichnissen.

Vor diesem Entwicklungsprozeß muß unbedingter Glaube bestehen, ein unerschütterlicher Glaube an den allumfassenden göttlichen Plan, der alle Wesen, die Gott schuf, miteinbezieht. Wir brauchen nicht an Gott zu zweifeln, weil Er vollkommen und allmächtig ist, denn Jesus sagte an einer Stelle: „Das dem Menschen Unmögliche ist für Gott möglich!" Die Wege Gottes sind unergründlich. Man darf sich nicht denken, daß diese Wege umgelenkt oder blockiert werden könnten: Das ist absurd.

Wenn wir aufgerufen werden, den göttlichen Weg zu beschreiten, müssen wir den einfachen Glauben der Kinder haben und Fehler, wie dieser in der folgenden Erzählung, vermeiden. In England wollte ein berühmter Künstler ein Bild malen, das die äußerste Armut darstellen sollte. Tage und Monate durchstreifte er London, um ein für sein Vorhaben passendes Subjekt zu finden. Endlich findet er ein zerlumptes Kind, dessen Anblick ihn zutiefst berührt, und ruft in sich hinein: „Das ist die passende Person für mein Gemälde!". Er geht zu ihm hin, gibt ihm seine Visitenkarte mit der Adresse und lädt es zu sich ein: „Komm nach vier Tagen zu mir, ich muß mit dir etwas besprechen!". Aber, den Mann so gut angezogen sehend, denkt sich das Kind: „Ich kann doch nicht, in Lumpen gehüllt, zu ihm gehen!", und besucht Bekannte, um sich so anzukleiden, wie man sich Könige vorstellt. Es findet Kleidung, zieht sich an und geht zu seiner Verabredung mit dem Maler. „Wer bist du denn?", fragt ihn der Maler. – „Ich bin der Soundso!" – „Mach dich fort! Wenn ich, wie dich Angezogene gesucht hätte, ich fände sie zu Tausenden. Ich brauchte dich so, wie ich dich damals sah!" Wir wollen uns auch einkleiden, wenn der Himmel uns zur Arbeit ruft. Die Kraft aber sitzt nicht in unseren Kleidern, Hüten, Handschuhen und Stifeletten, nicht im gutgebügelten Kragen, den Krawatten und Taschenuhren; sie stellen nichts Wichtiges dar. Vielmehr liegt die Kraft in unserer Vernunft, in unserem Herzen, in den edlen Trieben und Bestrebungen, Gutes zu tun. Wenn wir diese Dinge erst beisammenhaben, kommt der Rest zu gegebener Zeit von selbst. Nehmen wir, wenn wir in den Himmel kommen, unsere weltliche Kleidung mit? Wenn Der Herr uns in den Himmel ruft, zieht Er uns hier, auf Erden aus, Er will unsere Kleider nicht und sagt: „Bringt ihn Mir so, wie er ist!" Wenn einer gestorben ist, wendet sich jeder von uns von ihm ab; sogar diese, die ihn geliebt haben, beeilen sich zu sagen: „Schafft ihn schnellstmöglich fort!" Wo ist dann ihre Liebe? Der Herr jedoch, wendet sich nicht ab, Er sagt: „Bringt ihn Mir, Ich brauche ihn so, wie er ist". Wenn man uns begraben und zurückgelassen hat, was macht dann Der Herr? Er fängt an, mit uns zu sprechen, und erlöst nicht, wie viele meinen, den Verstorbenen. Er fragt uns: „Na, hast du das Leben verstanden, hast du verstanden, was der Sinn des Lebens war, das Ich dir geschickt habe?" Während Der Herr im Laufe dieses Gesprächs sein großes Bild malt, spielt sich auf der Erde folgendes ab: Die Leute, nachdem sie sich von dem Toten verabschiedet haben, fangen zu weinen an und zählen all seine guten Eigenschaften auf - sie erblicken mit einem Male das göttliche Bild, das in diesen Eigenschaften steckte.

Wir müsssen die Leiden, denen wir ausgesetzt werden, aushalten, und Lehren aus ihnen ziehen. Jesus wollte uns mit Seinen irdischen Leiden ein Beispiel geben, daß man sich dem göttlichen Lauf fügen muß. An einer Stelle sagt Er: „Als hätte Ich keine Möglichkeit, Meinen Vater zu bitten, tausend Engel zu schicken, damit sie Mich befreien. Aber wenn Ich das, wozu Ich gekommen bin, nicht erfülle, was wird dann aus den Menschen werden?" Denn auch Er selbst wollte sich erheben. Ihr seid auf Erden, und eines Tages werden auch über euch Stürme und Schwierigkeiten heraufziehen - und vielleicht trifft euch dann das gleiche Schicksal. Wenn diese Stunde gekommen ist, dürft ihr es nicht als ein Unglück begreifen, denn dort, wo es keine Leiden gibt, ist auch kein Reichtum möglich; dort, wo es Trauer gibt, gibt es auch Freude; und wo es den Tod gibt, gibt es auch eine Auferstehung. Jener, der versucht, sich neben die Leiden der Menschheit zu stellen, geht leer aus. Was aber bedeuten Leiden? Sie sind die Produkte von Irrtümern, die aus früherer Unwissenheit erwuchsen! Diese Fehler werden durch den Prozeß des Leidens korrigiert. Dieser Prozeß ist eine Möglichkeit, uns zu vervollkommnen und jene höchsten Schwingungen zu erreichen, die uns im Himmel erwarten. Hundertmal muß man Schmerzen erdulden, um an einer göttlichen Freude teilhaben zu können. Erst dann sind wir in der Lage, jene Freuden gebührend zu schätzen und festzuhalten. Deswegen fängt Der Herr mit solchen Dingen wie "Leiden" an, um uns zu härten, genauso, wie der Schmied das Eisen härtet, um es für Arbeit tauglich zu machen. Damit wir die Freuden tragen können, die danach kommen.

Jeder von uns ist Dem Herrn wichtig, sehr wichtig. Ihr könnt auf der Erde ein Nichts sein, eine reine Null, für Den Herrn aber seid ihr ein unentbehrliches Individuum. Nur Der Herr, Der euch auf die Erde geschickt hat, weiß eure Leiden zu würdigen, und folglich, braucht es euch auch nicht zu beunruhigen, was die Welt von euch denkt. Der, der euch geschickt hat, - Er denkt an euch und Er schätzt euch. Es ist für euch wichtig, die Gnade Gottes zu haben. Wenn Der Herr mit euch ist, werdet ihr schön sein, und die Welt liebt das Schöne; wenn Er mit euch ist, werdet ihr reich, stark und gut sein - und das Gute wird immer und überall verehrt.

Jetzt werde ich euch von Gott erzählen, aber nicht von dem abstrakten, im Raum versprenkelten Wesen, von dem die Philosophen sprechen, und von dem keiner weiß, wo es sich befindet. Ich meine Den Gott, von Dem ich hier rede, Der, Der an uns denkt, Der unsere Taten beobachtet, berichtigt, korrigiert, bestraft, uns an- und auszieht, uns auf die Erde schickt und zu sich zurückholt. Was bedeutet Sterben? Der Herr führt einen Eingriff durch, wenn Er sieht, daß ihr zu viel verlieren werdet, und verhindert einen weiteren Verlauf - „damit er sich nicht weiter verschuldet, nehmt ihm das Kapital, das Ich ihm gegeben habe; die Zeit ist jetzt ungünstig, hebt ihn für eine andere Zeit auf, bringt ihn zu Mir!". Während dieses Aktes glauben wir, daß die Welt uns vergißt. Aber selbst wenn die Welt uns vergessen hat, Der Herr denkt an uns; die Welt muß uns sogar vergessen. Eine Magd wird sich nie verheiraten, wenn sie alle Burschen liebt; sie muß sich einen aussuchen, um sagen zu können: „Das ist meine Welt!" Diese Tatsache läßt sich auch auf das Leben übertragen. Ihr dürft nur einen Herrn haben. Es gibt viele göttliche Dinge auf dieser Welt, und sie alle sind darauf bedacht, euch zu vereinnahmen; ihr aber müßt euren Weg finden, auf dem ihr leben, euch entwickeln und reich werden könnt.

Die Heilige Schrift sagt: „Gott ist nicht nur im Himmel; Er wohnt auch in den Herzen der Demütigen"; die erste Eigenschaft also, die ihr erlangen müßt, damit Er in euch einzieht, ist die Demut. Aber diese Demut ist nicht die Demut eines Schafes - nachdem man euch verprügelt und eure Beine gebrochen hat, zu sagen: „Da ist nichts mehr zu machen!" Es ist nicht Demut, wenn man euch alle Reichtümer wegnimmt, zu sagen: „Wir sind jetzt demütig". Demut bedeutet, über alle Reichtümer, Kräfte, Kenntnisse und Tugenden zu verfügen, sich dessen bewußt zu sein, und zu sagen: „Mein Herr, Du verfügst über alles, was ich besitze!" Aber ein jeder von uns handelt wie folgt: Man predigt ununterbrochen das Evangelium - alles wunderbar. Wenn Der Herr sich jedoch anschickt, unsere wohlgefüllten Geldbeutel zu behelligen, schreit man mit einem Male auf: „He, He, das geht nicht! Schau, eine Hälfte kann ich Dir geben, aber...". Wenn Er unsere Kraft belangen will, sagt man: „Du kannst doch nicht einfach über meine ganze Kraft verfügen!" Befinden wir uns aber in einer Notlage, so flehen wir Ihn an, uns zu leiten und aus der Misere zu helfen. Diese Art von menschlichem Verständnis vom Leben überwiegt in allen philosophischen Systemen seit Tausenden von Jahren. Und unsere Mißgeschicke entstehen gerade daraus. Aber Jesus will uns durch Sein Leben den Weg zeigen. Viele Christen haben erkannt, daß, wenn sie Christen werden, sie sich von der Welt lossagen müssen. Ihr könnt Haus, Reichtum, Frau und Kinder aufgeben und trotzdem an sie denken. Ihr könnt in ein einsames Kloster ziehen, und euch dennoch fragen: „Wie geht's meiner Frau, meinen Kindern, was ist wohl aus meinem Haus geworden?" Das bedeutet, daß ihr euch noch nicht von ihnen losgelöst habt, daß ihr noch nicht frei seid. Sich von Dingen lossagen, bedeutet nicht, sie zu vergessen, sondern sie in die Freiheit zu entlassen - die Frau tun zu lassen, was sie für richtig hält, den Sohn tun zu lassen, was er für richtig hält. Sich loszusagen bedeutet, zur Seite zu gehen, ihnen nicht weiter hinderlich zu sein; laßt sie ihren Weg gehen. Können wir etwa den Strom am Fließen hindern? Wir müssen ihm seinen Lauf lassen, wir können höchstens eines tun: ihn nutzen. Genauso können wir auch das Leben nicht behindern, sondern nur die Dinge nutzen. Jesus sagt uns klar und eindeutig: „Wenn ihr Mich liebt", - und wir sollten Ihn lieben, - und nicht: „Wehe euch, wenn ihr Mich nicht liebt!" Nein, Der Herr verlangt Opfer von uns nie gewaltsam!


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