Das Weizenkorn


"Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, so bleibt’s allein; wenn es aber erstirbt, so bringt es viel Frucht." (Joh 12:24)


Das Weizenkorn ist das Sinnbild der menschlichen Seele. Es symbolisiert die große Geschichte der Naturentwicklung. Wenn ihr die Hüllen des Weizenkorns auffalten könntet, würdet ihr seine Geschichte verfolgen können, würdet die Geschichte der menschlichen Seele völlig verstehen. Genauso wie das Weizenkorn in den Ackerboden fällt und stirbt, wie es hervorsprießt, aufwächst und Samen trägt, verhält es sich auch mit der Seele des Menschen. Vielleicht ist für euch das Weizenkorn etwas sehr Geringes, etwas, das keinen Wert hat - ein sechzehntausendstel Kilogramm, und um wieviel würde sich nochmals sein Wert, für euch, verringern, wenn man für ein Kilo einen Groschen zahlen würde? Das Weizenkorn aber besitzt Kraft, Potenz und den Geist der Selbstaufgabe, mit dessen Hilfe es sich und die anderen ernährt. Wenn ihr euch zum Essen niedersetzt, denkt ihr nicht an das Weizenkorn, wißt nicht, was für eine Freude es in euch hineinträgt, was für Gedanken es euch bringt. Ihr wißt nichts von seinem Lebensweg! Die Menschen wissen es nicht zu schätzen, die Hühner wissen es auch nicht zu schätzen. Niemand schätzt es, und dennoch ist es ein großes Welträtsel.

Was nun ist in diesem Weizenkorn verborgen? Es ist das Sinnbild des Lebens! Wenn wir den bulgarischen Buchstaben Æ (J) nehmen, mit dem dieses Wort anfängt, sehen wir, daß er genau dem Weizenkorn entspricht - unten - zwei Beinchen, d.h. Wurzeln, oben - zwei Zweigchen. Wenn wir es gesät haben, zeigt es uns, wohin wir streben müssen. Das Weizenkorn zeigt uns, daß wir zu unserem Ursprung streben müssen: zu Gott. Wir müssen zu Gott streben, damit wir uns verzweigen, sprießen, aufblühen, Nahrung für die Welt ansetzen, d.h.: „Euren Nächsten sollt ihr helfen und euch für sie opfern, so, wie Ich es tue!" Deshalb sagt Christus auch an einer anderen Stelle: „Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgestiegen ist!" - Und woraus wird Brot gemacht? Aus dem Weizenkorn! Die Menschen unserer Zeit sagen, daß sie unglücklich sind, alle, selbst Könige und Fürsten; vom Ranghöchsten bis zum Untersten: Sie alle wollen etwas, und wenn es ihnen gegeben wird, sind sie immer noch unzufrieden und wollen wieder was haben. Fragt sie, warum sie unzufrieden sind. Sie suchen nach etwas Höherem. Aber wenden wir uns wieder der Geschichte des Weizenkorns zu. Nachdem es ausgesät wurde, was würdet ihr an seiner Stelle sagen? Ihr würdet sagen: „Es ist vorbei, das Leben ist zu Ende, es verschwindet, vermodert, verfault!" Aber im Weizenkorn gibt es mehr Glauben, als in uns. Nachdem es in die Erde fällt, fault und vermodert es, aber sofort versteht es die Sprache der Sonne und sagt sich, wenn es die ersten Sonnenstrahlen empfangen hat: „Ich werde nicht sterben, ich werde auferstehen und Frucht für andere bringen!", und in ihm entsteht eine Kraft, und es fängt an, zur Sonne zu streben. Es setzt Frucht an und reift. Aber die Menschen lassen es nicht in Ruhe; sie nehmen Sicheln und schneiden es ab.

Seine Leiden haben aber noch gar nicht angefangen: Nachdem man es abgemäht, geschnürt und in Garben zusammengebunden hat, sticht man es mit Heugabeln auf und wirft es auf den Karren, bringt es auf die Tenne und breitet es aus. Danach treibt man Pferde drüber und drischt es. Was würdet ihr an seiner Stelle denken? Auch das Menschenleben durchläuft solche Phasen. Ihr werdet fragen: „Warum müssen wir diesen ganzen Prozeß durchmachen?" - Man muß aus dem Beispiel vom Weizenkorn eine Lehre ziehen. Wenn die Dreschschlegel und die Pferdenhufe über das Weizenkorn gezogen sind, sammelt man es ein und bringt es in den Kornspeicher. Doch seine Leiden sind immer noch nicht zu Ende: Man siebt es durch, die schlechten Körner fallen runter, die guten bleiben oben, man schüttet es in Säcke und - marsch! - zur Wassermühle, zu jenen beiden schweren Steinen, die es völlig zerreiben und zermalmen sollen. Wenn ihr an der Stelle des Weizenkorns wäret, was würdet ihr sagen? „Was ist das bloß für ein Leben und eine Welt, die Gott hier geschaffen hat?" Aber das Weizenkorn hat eine große Geduld, es sagt: „Ihr werdet noch sehen, was aus meiner Geschichte wird!" Man trägt es aus der Wassermühle als Mehl heraus, bringt es nach Hause, aber wieder läßt man es nicht in Ruhe; jetzt fängt die Frau an, es durchzusieben, wirft einen Teil weg, schüttet den anderen in den Backtrog, fügt Sauerteig hinzu und knetet Brot. An der Stelle vom Weizenkorn würdet ihr glauben, aufatmen zu können: „Unsere Leiden sind endlich zu Ende!" Nein! Nachdem es aufgegangen ist, wird es geradewegs in den Backofen geschoben, und nachdem man es rausnimmt, sehen wir jene schönen Laibe. Wenn ihr an der Stelle vom Weizenkorn wäret, würdet ihr sagen: „Jetzt habe ich meine Bestimmung erreicht, und die Leiden finden ein Ende!" Doch nach einer gewissen Zeit fängt man an, diese schönen Laibe in Stücke zu brechen und zu verzehren. Auf diese Weise erreicht das Weizenkorn den Magen, dort bildet es Säfte, die unseren Körper versorgen. Und was geschieht dann? In unserem Gehirn bilden sich große Gedanken, in unserem Herzen neue Wünsche. Das Weizenkorn bringt das Kleid, welches unsere Gefühle einkleidet, es ergießt sich aus der Feder der Schriftsteller und Dichter, es schwingt mit dem Bogen des Geigers. Das gibt uns das Weizenkorn. Wenn dieses Korn diesen Prozeß nicht durchgemacht hätte, würden wir die Schönheiten der Natur niemals sehen können. Warum? Weil das Weizenkorn uns Kraft gibt, um sehen und schauen zu können. Deshalb sagt Christus: „Ich bin das lebendige Brot!" Denn, um zu leben, muß man im Austausch mit seiner Umwelt sein, muß anfangen, ihr zu helfen und von ihr geholfen zu werden. So wie das Weizenkorn diesen Prozeß durchgemacht hat, müssen auch wir uns aufopfern. Übrigens, Opfer zu bringen, ist gar nicht so schwer.

Wenden wir uns nun zur Geschichte des Lebens Christi, zur Geschichte des jüdischen Volkes, hin. Wie erklärt ihr euch diesen Widerspruch, daß ein Volk Tausende von Jahren auf seinen Erretter, auf seinen König wartet, der ihm Freiheit schenken soll, und als Er endlich erscheint, es gerade jüdische Erzpriester und Fürsten sind, die sich über Ihn beklagen? Ihr würdet sagen, daß wenn Christus zu unserer Zeit gekommen wäre, es Ihm besser erginge. Ich zweifle daran. Ich werde euch eine Tatsache vor Augen führen: Seht, wie Mann und Frau miteinander umgehen, und ihr werdet euch denken können, wie man mit Christus verfahren wäre. Wenn die Wahrheit auf die Welt kommt, wird sie sich nicht in einem festlichen Gewand präsentieren, sondern in einem anspruchslosen Kleid, und darum ist auch Christus unter dem jüdischen Volk in dieser einfachen Form erschienen. Das ist der Grund, warum die Menschen die Wahrheit nicht begreifen können. So sind nun mal die Gesetze dieser Welt.

Aber es gibt auch ein anderes Gesetz in der Welt, das sich durch das Sonnenlicht äußert. Wenn die Sonne anfängt, über alle Keime und Wesen dieser Welt zu scheinen, ruft dieses Licht, das im Menschen eigentlich Fröhlichkeit und Freude erzeugt, in anderen Haß und Bosheit hervor. Das Licht, daß einige in gute Stimmung versetzt, macht andere grausam. Das Licht und die Wärme treiben den Wolf dazu, sich zu überlegen, wo er Schafe reißen kann; wenn ein Dieb die Sonnenstrahlen spürt, fängt er sich zu überlegen an, wo er Geld stehlen kann, werden sie von einem Menschen gespürt, der zum Guten strebt, wird er einen armen Menschen aufsuchen, um ihm zu helfen. Gib dem Huhn ein Weizenkorn, und es wird schöne Federn bilden; gib es einem Schwein, und es wird schöne Borsten bilden; gib es einem Wolf, und er wird schöne Zähne und Krallen bilden; gib es einem Fisch, und er wird schöne Schuppen bilden. Die Physiologen können diesen Umstand nicht erklären. Jedes Wesen nutzt die Nahrung, die Wärme und das Licht, seiner Entwicklung und seinen Verhältnissen entsprechend. Ihr könnt dieses Gesetz verstehen, indem ihr diese zwei entgegengesetzten Welten betrachtet. Es ist unmöglich zu erklären, warum es Übel unter den Menschen gibt, warum sie der Liebe den Haß, der Wahrheit die Lüge vorziehen. Das können wir nicht erklären; viele Warum? - Fragen werden unbeantwortet bleiben. Das bulgarische Wort "warum" ("saschtó") ist ein Fragezeichen, welches meint: „Ich will!" Warum müssen wir wollen? Es besteht ein Gesetz, das besagt, daß wir nach Fortschritt streben müssen!

Christus sagt, daß, wenn das Weizenkorn, das auf die Erde fällt, nicht stirbt, allein auf dieser Welt bleibt. Was ist die Einsamkeit im Leben? Sie ist das grausamste Los, das einem widerfahren kann! Sich zu vermehren - das ist der Lebenssinn. Alle Leiden dieser Welt fußen darin, daß die Menschen für sich alleine leben wollen. Immer entsteht das Übel aus dem Wunsch, allein zu sein, und Mittelpunkt der Welt zu werden. Aber in den göttlichen Gesetzen ist eine solche Idee undenkbar. Unsere Gedanken und Wünsche sind zum Einstürzen verdammt, wenn wir sie auf Sand bauen. Wir können in dieser Welt glücklich werden, gerade, wenn wir für Den Herrn leben; und wir müssen für Ihn leben. Die Erklärung für diese Tatsache finden wir in der Natur selbst. Wenn die Sonne morgens aufgeht, geht sie für alle auf, weil sie alle liebt; sie ist aufmerksam gegenüber allen Wesen, von den niedrigsten bis zu den höchsten, und deshalb richten sich alle Blicke auf sie. Von dort kommt diese Energie, die euch aufweckt und erhebt. Sagt uns etwa die Sonne, daß wir in sie hineinkriechen sollen? Sie sagt uns, daß wir die Güter, die sie uns gibt, nutzen müssen, und so, wie sie die Welt beleuchtet, auch wir auf unsere Umgebung Licht und Wahrheit ausstrahlen müssen! In unserem Verstand gibt es einige Mißverständnisse, die aus unserer egoistischen Lebensweise erwachsen sind. Wenn ihr zum Beispiel in euer Haus eintretet, das nur ein Fenster hat, in dem ihr aber zwanzig oder dreißig Gäste eingeladen habt, werdet ihr ihnen möglicherweise sagen: „Ihr habt nicht das Recht dazu, das Fenster zu benutzen, nur ich darf sehen!"; und während ihr die Sonne so anschaut, sind alle anderen ihrem Licht entzogen, aber ihr müßt auch sie rufen, damit sie die Sonne sehen, ihr müßt ihnen den Weg zeigen, auf dem sie das Haus verlassen und das Licht sehen können. Deshalb ist es für den Menschen nicht gut, viele Leute um sich zu haben, weil nie alle auf einmal das Licht der Sonne und deren Wärme genießen können. Wir müssen ihnen sagen, daß sie hinausgehen sollen. Darum sagt Christus: „Wer nur sich liebt, soll sich fortmachen!", und an einer anderen Stelle: „Wer seinen Vater und seine Mutter mehr liebt als Mich, ist Meiner nicht würdig!" Denn wenn sich eine Person dem Fenster zu sehr nähert, nimmt sie den anderen die Möglichkeit, rauszuschauen. Geht lieber zwanzig, dreißig Schritte zurück. Das ist eine physiche Angelegenheit. Damit möchte Christus sagen, daß das Leben nicht aus den materiellen Gütern besteht. Sie sind nur Hilfsmittel, genauso wie die Lehrbücher, Schultafeln und Schreibfedern, die für die Schüler Lehrmittel sind. Daß ihr ja nicht denkt, daß Der Herr nur einen solchen Kleinkram für euch bereit hält: Er hat etwas Größeres mit euch vor! Fragt einen Frosch nach seiner Auffassung vom Leben und er wird euch antworten: „Über den Sumpf, in dem ich wohne, will ich mehr Fliegen, und ich will, daß sie näher an mir vorbeifliegen, damit ich sie leichter fangen kann!" Wenn ihr ihn dann beobachtet, wie er schweigend und scheinbar vor sich hinphilosophierend dasitzt, beobachtet er die Fliegen: Um sie zu schnappen, wenn sie nah genug an ihn dran sind. Das ist seine Auffassung vom Leben. Wir steigen eine Treppe hinauf und brauchen uns deshalb nicht zu denken, daß wir den Gipfel unserer Entwicklung schon erreicht haben: Wir haben auf dieser Treppe der Entwicklung noch einen weiten Weg zurückzulegen, bis wir das Ziel, nach dem wir streben, erreicht haben. Der Abstand zwischen Menschen und Engeln ist so groß wie der zwischen einer Kaulquappe, aus der sich der Frosch entwickelt hat, und dem Menschen. Vom Standpunkt der Engel aus sind wir noch Kaulquappen. Einige werden sagen: „Die Menschen sind doch nach dem Ebenbild Gottes geschaffen worden, stimmt’s?" Stimmt, aber damit haben sie bei weitem nicht dieses Aussehen erlangt! Ihr seht doch, was wir tagtäglich tun! Wir müssen die Eigenschaften Gottes annehmen, um sagen zu können: „Wir sind das Ebenbild Gottes!" Welche sind Seine Eigenschaften? Es ist die Güte, die Liebe, die Weisheit und die Wahrheit! Die Güte schließt die Boshaftigkeit aus, die Liebe - den Haß, die Weisheit - den Irrsinn, die Wahrheit - die Lüge. Erst, wenn wir die Übel in uns ausschließen, werden wir zum Ebenbild Gottes. Schaffen wir es nicht, bleiben wir Kaulquappen. Ich habe nichts gegen den Frosch, er muß Fliegen fressen. Warum gerade Fliegen? Ich sage es euch: Weil die Fliege als fliegendes Wesen über ihm lebt, strebt der Frosch auch danach, durch die Lüfte fliegen zu können, weshalb er versucht, die Vibrationen der Fliege zu empfangen und in sich zu entwickeln, damit er eines Tages auch fliegen kann. Warum frißt der Wolf Schafe? Er muß Schafe fressen, um sanft zu werden, weil indem man gute Sachen ißt, auch gut wird! Schauspieler
haben den Versuch gemacht, als sie eine platonische Liebesbeziehung spielen sollten, lange Zeit vorher Schafsfleisch zu essen, weil sie dieses Fleisch für solche Gefühle empfänglich macht. Der Wolf hat also ein Recht darauf, wenn er sanft werden will, Schafe zu fressen. Ganz bestimmt wird er es werden, denn der Wolf ist jetzt schon viel ruhiger als früher. Die Menschen essen deswegen Schafe und Hühner, weil, indem sie Schafe essen, schön werden wollen, und sie essen Hühner, weil auch sie geflügelt sein wollen, so wie die Engel. Ihr habt ein Recht, euch von Tieren zu ernähren. Das Übel liegt nicht in der Speise. Wenn man ein Verbot über gewisse Speisen verhängt, geschieht das aus der Erkenntnis heraus, daß dem Wesen, das für die Mahlzeit verwendet werden soll, kein Schaden zugefügt werden darf. Ich sage, daß ihr alles essen dürft. Geht in den Hühnerstall und greift euch ein Huhn, wenn es nicht kreischt, könnt ihr es schlachten und essen. Wenn es kreischt, laßt es! Bei dem Schaf dasselbe - wenn es blökt, laßt es; es will auf der Erde leben! Ihr müßt sie also vorher fragen. Fragt, welches Schaf und welches Huhn in euch leben will. Christus sagt: „Ich bin ein lebendiges Brot, und wer Mich ißt, wird ewig leben!"
Um die Worte Christi verstehen zu können, müssen wir uns reinigen: die Augen ebenso wie unsere Vernunft. Unsere Vernunft ist ein wunderbares Werkzeug, wenn man sie zu gebrauchen weiß; aber sie kann auch zu einer sehr gefährlichen Waffe werden, wenn wir nicht mit ihr umgehen können. Einen ungesäten Acker umzupflügen, um ihn anzusäen, ist euer gutes Recht: ihr folgt damit einem Naturgesetz. Aber wenn ihr einen schon gesäten Acker umpflügt, begeht ihr eine Dummheit. Einige Menschen sagen: „Wir müssen denken und kritisieren!", weil Wissenschaft ohne Kritik nicht bestehen könne. Kritisieren - gut, aber wie? Mit der Kritik ist es wie mit der Chirurgie; ein krankes Teil muß aus dem Körper geschnitten werden. Dies verstehe ich, da ist sie nützlich; Aber wie man auf die Idee kommen kann, gesunde Teile rauszuschneiden, ist mir unbegreiflich. Ein solcher Chirurg zu werden, ist nicht schwer: jeder kann eine Säge nehmen und das Bein des Patienten abschneiden; jeder von euch besitzt diese Fähigkeit, aber es gibt nur Wenige, die diesen Eingriff richtig ausführen können. Um es zu lernen, müssen wir uns unbedingt das Gesetz der Güte und der Liebe aneignen. Wenn ich euch von Liebe erzähle, glaubt nicht, daß ich eine Lehre von Ruhe und Frieden vertrete; denn der, der lieben will, muß die größten Schmerzen in der Welt ertragen; wer nicht gelitten hat, kann dieses göttliche Prinzip der Liebe nicht erfahren. Um Gott zu lieben, müssen wir bereit sein, uns selbst zu opfern, so, wie Sich auch Gott für uns opfert. Um Ihn zu erkennen, sagt ihr: „Mein Herr, gib uns das, was wir brauchen!" „Gib, gib, gib!" - das ist der Ruf, der sich von einem Ende der Welt zum anderen zieht. Und nie gab es soviel Geld wie heute; jeder von uns bekommt einen vielleicht drei-, viermal höheren Lohn als noch unsere Väter, und trotzdem reicht er nicht aus. Das Geld ist entwertet, weil es nichts gibt, dem es entsprechen könnte; wir müssen vielmehr um Weizen, Mais, Birnen, Äpfel, um Wahres, Schönes und Gutes- beten. Ihr sagt: „Mein Herr! Ich will schön sein, ich will reich sein!" Ihr wollt euch viele Sachen aneignen, aber wißt ihr, daß euch dieser Wunsch Unglück bringt? Sobald ihr reich geworden seid, wird ein Jeder versuchen, euch Schaden zuzufügen, und um euch zu schützen, werdet ihr, wie die reichen Amerikaner, Leibwächter brauchen, von denen Sie drei oder vier ständig um sich haben, weil man auf Schritt und Tritt versucht, Sie zu erpressen. Wir brauchen keine Reichtümer, sondern wesentliche Dinge, die das Leben lebenswert machen. Allzulange haben wir die Entwicklung unseres Herzens vernachlässigt und müssen uns endlich wieder dieser Grundaufgabe zuwenden: unser Herz entwickeln und veredeln. Das Übel wurzelt nicht in der Vernunft, sondern im Herzen. Jeder von uns muß sein Herz fragen, was es will. Unser Herz hat sich durch unsere Schuld degeneriert; wir haben es allzuoft gezwungen, einem Dienstmädchen gleich, zu lügen, jemandem Schlechtes zu wünschen usw. Der Herr sagt in der Heiligen Schrift: „Mein Sohn, gib mir dein Herz!"; Er sieht und erkennt die Irrtümer der Menschen und will von uns nichts anderes als dieses: Ihm unser Herz zu öffnen, damit Er in ihn eintreten kann. Ihr werdet fragen: „Wie können wir ihm diesen Wunsch erfüllen?" Genau so wie ihr ein Fenster aufmacht, damit Sonnenlicht euer Zimmer durchflutet. Man sagt: „In ein Zimmer, in das Licht eintritt, braucht der Arzt nicht zu kommen, denn Krankheit, die kennt man dort nicht", oder umgekehrt: „Wo Licht nicht reinkommt, geht der Arzt nicht raus"; genauso tritt ins menschliche Herz, das von Gott durchdrungen ist, der Teufel nicht ein. In diesem Sinne ist Der Herr ein Arzt.


NEXT