Die Liebe



„Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz oder eine klingende Schelle."
(Kor I, 13 : 1)

Das Wort "Liebe" ist im Munde der Menschen sehr alltäglich geworden; so alltäglich, daß es schon fast keinen Sinn mehr hat. Wenn ein Wort seinen Sinn verliert, wird es entsalzen, und all das, was entsalzt ist, hat keine Kraft mehr, und infolge dessen verschwindet es. Wenn in der organischen Welt eine gewisse Nahrung dem Magen zugeführt wird, die nicht richtig auf ihn wirken kann, entsteht ein Zustand, den die Ärzte "Verdauungsbeschwerden" nennen, und der dem Körper selbst einen gewissen Verdruß bereitet. Dieses Gesetz bezieht sich nicht nur auf die materielle Welt, sondern auch auf das vernünftige Leben: Wenn uns ein Gedanke vorgestellt wird, der auf unser Gehirn nicht einwirken kann, und der von unsem Verstand nicht erfaßt werden kann, entsteht in uns derselbe Zustand. Das Gleiche vollzieht sich auch im Herzen des Menschen: Wenn ein Wunsch ins Herz gelangt und dort nicht wirken kann, nimmt das Herz ihn nicht wahr und etwas Ähnliches spielt sich auch da ab.
Das menschliche Wesen nähert sich den Dingen auf eine dreifache Weise. Nehmt eine Frucht, sagen wir einen Apfel, rot, glänzend, rundum schön; zuerst werden eure Augen gelockt: Ihr dreht und wendet ihn umher und bildet euch mit Hilfe der Augen, seiner Form und Farbe nach, einen gewissen Begriff von ihm. Nachdem eure Augen ihre Arbeit getan haben, haltet ihr den Apfel näher an eure Nase, um zu erfahren, ob er einen Duft ausströmt, und euer Geruchssinn wird die Qualität dieses Duftes feststellen. Wenn er seine Tätigkeit abgeschlossen hat, werden Zunge und Zähne wünschen, den Apfel zu probieren, und die letzte Operation an dem armen Apfel durchführen - sie werden sein schönes Kleid zerstören, von dem schon bald nichts mehr übrigbleibt. Doch die Zunge wird sagen: „Dieser Apfel schmeckt gut!" So offenbart sich auch die Liebe im Leben des Menschen in dreifacher Weise. Infolge der Ignoranz von ihren Wechselbeziehungen hat sich im Menschen tiefliegendes Mißverständnis gebildet. Manche meinen, sie sei ein Gefühl, andere - sie sei eine Macht, wieder andere - sie sei eine Illusion usw. Wie der Verstand des Menschen, so auch sein Verständnis; folglich, dementsprechend auch seine Auffassung von der Liebe. Um euch ein Urteil in Bezug auf gewisse Fragen oder aber über einen Menschen zu bilden, müßt ihr sehen, was er spricht und schreibt; um eine Frau zu erkennen, müßt ihr sie besuchen und sehen, wie es um ihr Haus bestellt ist; um einen Koch zu erkennen, müßt ihr in seine Küche gehen und sehen, was und wie er kocht; um einen Soldaten zu erkennen, müßt ihr ihn auf dem Schlachtfeld beobachten; um einen Lehrer zu erkennen, müßt ihr seinem Unterricht beiwohnen; um einen Pfarrer zu erkennen - ihn in der Kirche besuchen usw. Jedes einzelne Ding soll man an seiner angestammten Stelle erproben. Wenn wir zur Bedeutung der Liebe im weiteren Sinne kommen, werdet ihr nicht alle in der Lage sein, meinen Ausführungen zu folgen, deshalb versuche ich, diesen Gedanken so darzustellen, daß er für euch halbwegs verständlich wird. Ich werde ihn deshalb in einer einfacheren Form angehen. Es mag sein, daß ich in einer für euch unverständlichen Sprache spreche, aber es geschieht nicht aus dem Wunsch heraus, unverstanden zu bleiben, sondern darum, weil es Gründe gibt, die bedingen, daß meine Sprache unverständlich werden kann. Wenn ein kleines Kind geboren wird, gibt ihm die Mutter zuerst Milch, danach, wenn es ein bißchen gewachsen ist, bereitet sie ihm flüssige Nahrung zu, dann zerstampft sie das Essen fürs Kind, und ihm seinerseits, das am Anfang Milch säugt und schluckt, ist der status quo sehr angenehm; damit die Mutter ihm aber härteres Essen geben kann, ist es nötig, das dem Kind Zähne wachsen - sonst wird es ihm schlecht im Magen. Aber vor dem Durchbruch der Zähne wird eine gewisse Erscheinung auftreten - das Kind wird krank. Und die Mutter fragt sich besorgt: „Das Kind hat Fieber, was ist, wenn es stirbt? Am besten ich rufe den Arzt!"; sobald die Zähne erschienen sind, geht dieser Zustand vorüber. Im menschlichen Leben, gibt es auch einen solchen Zustand; wenn dem Menschen eine harte Nahrung - die Liebe - gegeben wird, kommt das Leiden zwangsläufig. Also, wenn wir sagen: „Leiden sind notwendig", verstehen wir darunter, daß es notwendig ist, diese durchzustehen, damit unsere Zähne durchbrechen, damit wir in die Lage versetzt werden, uns von dieser festen Nahrung zu ernähren. Was es mit den Zähnen auf sich hat - ich kann es euch sagen; aber jetzt sage ich euch, daß sobald eure Leiden in der Welt angefangen haben, dies ein Kennzeichen dafür ist, daß eure Zähne anfangen, herauszuwachsen. Wenn ihr diesen Prozeß durchlaufen habt, seid ihr geformt, ihr habt dann 32 Zähne, ihr seid im Alter Christi - ihr seid 32 Jahre alt.
Laßt uns sehen, wie der Apostel Paulus die Liebe aufgefaßt hat. Um die Liebe zu verstehen, müssen wir diesen Begriff mit seinem Gegenteil vergleichen. Wenn man einen Gegenstand beschreiben will, muß man seine Unterscheidungsmerkmale finden; versucht man z.B. ein Pferd, eine Kuh, ein Schaf, einen Wolf usw. zu beschreiben, so müssen die Wesensmerkmale herausgearbeitet werden, durch die sich jedes einzelne dieser Tiere unterscheidet. Bei einer Beschreibung betrachten wir für gewöhnlich die äußere Seite, aber wir können uns auch den inneren Besonderheiten zuwenden und die dort vorhandenen Unterschiede betonen. In der gegenwärtigen Welt wollen alle Menschen vielsagende Redner sein, weil jeder weiß, daß ein Redner, Kraft seines Wortes, auf die Menge Einfluß nehmen kann. Der Apostel Paulus sagt hierzu: „Wenn ich die größte Beredsamkeit besäße, die die menschliche Sprache zuläßt, mehr noch, wenn ich die Beredsamkeit eines Engels hätte, und die Liebe nicht verstünde, würde mir all dies nichts nützen!" Unser Verhältnis zu ihr wäre das gleiche, wie das, wenn wir einen Apfel nur vom außen betrachteten. Nun fragt sich jeder in Bulgarien, was für ein Schicksal ihn und sein Land erwartet. Wenn ihr Vorhersagen machen könntet, würden alle zu euch laufen, um nach Diesem und Jenem zu fragen, und man wird euch in den Himmel heben, wenn eure Voraussagungen zutreffen. Doch der Apostel Paulus sagt: „Selbst wenn ich Vorhersagen machen könnte, alle Geheimnisse wüßte und alles Wissen besäße, wenn ich Glauben hätte, mit dem ich Berge versetzen könnte, aber keine Liebe, wäre ich ein Nichts!" Nicht die gegenwärtigen Geschehnisse machen das Leben aus. Ihr könntet Berge und Städte versetzen, von mir aus auch ganze Reiche, aber dies alles wäre nur die Oberfläche des Lebens. Und weiter sagt Paulus: „Selbst wenn ich meinen ganzen Besitz zur Speisung der Armen verschenkte, und meinen Körper der Verbrennung übergäbe, aber keine Liebe besäße, nützte mir das nichts!"
Also, selbst wenn wir alle Begabungen und Tätigkeiten, die der Apostel Paulus aufzählt, haben bzw. ausführen, uns aber die Liebe fehlt, fehlt uns das Wichtigste. Nicht, daß diese Dinge wertlos seien, aber sie sind halt nur die äußere Seite des Menschen, sie berühren nicht seine Seele. Und weiter fängt er an, die positiven Eigenschaften der Liebe zu beschreiben. Ihre erste Eigenschaft ist die Geduld. Wißt ihr von der Bedeutung der Geduld? Sie ist der Grundpfeiler des Lebens! Habt ihr Geduld, könnt ihr alles erreichen; habt ihr sie nicht, werdet ihr es im Leben zu nichts bringen. Der geduldige Mensch ist wie ein Schiff, das einen Anker besitzt; der Ungeduldige gleicht einem Schiff ohne Steuerrad. Eben das ist das Unterscheidungsmerkmal der Liebe. Darum sagt man: „Gott ist Liebe", weil Er geduldig ist. Die Geduld ist ein Zeichen der großen Liebe, die Gott zu uns hegt. Wenn es diese Liebe nicht gäbe, hätte Er uns schon lange nicht mehr geduldet; Er würde unsere Dummheit und Kleinlichkeit nicht länger dulden und uns kurzerhand von der Erde fegen. Also, mit was für Arbeit wir uns auch beschäftigen, was für Güter wir auch immer im Leben erlangen wollen, Geduld ist die Voraussetzung dafür. Viele sagen: „Geduld ist eine Eigenschaft von Ochsen!" Nein, Geduld ist eine große und wichtige Eigenschaft und im Charakter des Menschen gibt es keine edlere. Die Geduld wird nicht zusammen mit dem Menschen geboren, sie muß erlernt werden. Die Liebe kann als Geschenk zu uns kommen, aber die Geduld will erarbeitet sein. Das Leiden ist ein Prozeß, durch den man Geduld erlangen kann; dies ist die Methode, durch die man lernt, sich zu gedulden.
Um zu dulden, müssen wir mit drei Grundeigenschaften angesäuert sein: mit Weisheit, Wahrheit und Tugend. Warum duldet die Mutter gewisse Irrtümer ihres Kindes und sieht dennoch zu, es aufzuziehen? Sie sieht voraus, daß es, obwohl es Schwächen besitzt, in der Zukunft ein großer Mensch wird, ein Mensch, der seinem Haus und seiner Heimat nützlich sein wird. Eben dies voraussehend, sagt sich die Mutter: „Für dieses Kind werde ich mich allen Beschwerlichkeiten aussetzen und seine Schwächen dulden!" Sie tut gut daran. Der geduldige Mensch ist klug und vorausschauend. Nehmt eine Magd; wenn sie nicht verheiratet ist, hält sie ihre Hände sauber, will sie sogar nicht mit Wasser anfeuchten, besprüht sie mit Duftessenzen; aber wenn sie sich verheiratet, macht es ihr nichts aus, ihre Hände mit dem Parfüm des Kindes zu beschmieren, es ist ihr sogar angenehm. Was findet sie an diesem Kind? Was verbindet sie mit ihm? Wenn man es wiegt, werden lediglich ein paar Kilo rauskommen. In ihm gibt es eine göttliche Seele, die die Liebe der Mutter so sehr anzieht, daß sie durch ihre Geduld bereit ist, ihm in allem behilflich zu sein und es auf jede mögliche Weise zu pflegen. Wenn sein Wohlergehen vom Mann abhinge, könnte davon keine Rede sein: er würde es wegwerfen und sagen: „Diese Arbeit ist nichts für mich!" Also, wir brauchen unbedingt Liebe, um jede einzelne Arbeit dieser Welt tun zu können - die Liebe im Herzen ist eine große Triebkraft für die, die sie besitzen.
Ich spreche über die Liebe im weitesten Sinne; ich sagte nichts über ihr Wesen. Manche Leute halten die Liebe für eine Empfindung, für eine gute Laune. Das ist keine Liebe, weil, wenn man einen halben Liter Wein trinkt, auch bei guter Laune ist; bei gewissen Schmerzen laßt ihr euch Massagen machen und fühlt euch gut danach; aber dies ist nicht das Wohlgefühl, das einem die Liebe verschafft. Wenn euch jemand liebt, wird er euch manchmal auch Schmerzen bereiten: Die Liebe verursacht gleichzeitig Schmerzen und Freude - dies ist ihre Eigenschaft. Sie ist eine zweischneidige Kraft: Sie liebkost jeden, straft ihn aber auch. Auf welche Weise straft sie euch? Indem sie euch verläßt; ihr werdet traurig und sagt: „Ich bin unglücklich!" Warum seid ihr unglücklich? Wegen der Abwesenheit der Liebe! Ich bin glücklich - warum? Weil die Liebe in mir ist. Aber die Liebe heißt noch etwas - die Geduld ist der Weg, auf dem die Liebe ins Herz gelangt. Die Geduld bedingt die Erscheinung der Liebe. Ohne Geduld kann die Liebe uns nicht erreichen. Sie ist die erste wichtigste Voraussetzung, die Vorbotin der Liebe. Wenn ihr die Geduld in ihrem weitesten Sinne erlernt habt, werdet ihr schon bald feststellen, daß sie eine große Macht in den Händen vom kühnen, entschlossenen Menschen ist: ein solcher Mensch hat eine große Zukunft vor sich.
Das Wort "Wohlgesonnenheit" ist die positive, aktive Seite der Liebe, während die Geduld ihre passive, erhaltende Seite ist, an der ihr eine gewisse Last zu tragen habt; Wohlgesonnenheit ist die Liebe, die bereit ist, aufzubauen, jedem Beliebigen einen Dienst zu erweisen, die Bereitschaft - wenn ihr einen Bettler trefft, und er will was von euch - es ihm zu geben; ein Freund von euch mit edlen Charakterzügen will einen Gefallen von euch, ihr solltet ihm ihn erweisen, obwohl er nicht eure Meinung und euren Glauben teilt. Wir wollen, daß die Leute uns lieben, und höflich zu uns sind, aber oft übertreten wir diese Regel, und das nicht nur, weil wir keine Geduld haben, sondern auch, weil wir die ihnen zustehende Güte verwehren. Manche sagen, daß sie einen Menschen lieben und reden doch schlechte Sachen über ihn. Eines Tages wird das Echo dieses Geredes widerhallen, weil das, was man sät, muß man auch irgendwann auch ernten; wenn man einen Apfelbaum angepflanzt hat, wird man Äpfel auflesen können; wenn man Disteln einpflanzt, kann man nur Dornen pflücken. Ich rede nicht darüber, was für ein Verhältnis ich zu euch haben soll, sondern versuche zu bestimmen, was für ein Verhältnis man zu Gott, zur Liebe, d.h. seinem Nächsten gegenüber, haben soll. Wie ich meine Taten verstehe, ist nicht von allzugroßer Bedeutung, für mich ist es wichtig, ob ich bereit bin, jenes grundlegende Gesetz zu erfüllen, das die Liebe mir auferlegt hat - ob ich geduldig sein kann, wie sie es will, ob ich von Güte erfüllt sein kann, wie sie es wünscht. Dies ist nötig für jeden Einzelnen, für die ganze Welt, für jene, die wirklich ein Herz haben. Diejenigen, die es nicht verstehen, werde ich in Ruhe lassen. Manche fragen: „Was wird aus den schlechten, sündigen Menschen?" Das, was aus den Steinen, Ameisen und den kleinen Käferchen wird! Ihr denkt, daß es den Ameisen schlechter geht als euch? Sie sind tausend Mal glücklicher als ihr: Sie empfinden nicht dieselben Leiden, die ihr empfindet. Wir sollen nur diese Menschen bedauern, in denen das göttliche Bewußtsein erwacht ist, die die Liebe, das Gute und das Böse verstehen, die leiden und sich quälen. Manche Leute sagen: „Meine Sachen laufen nicht, - ich bin ein unglücklicher Mensch!" Dem antworte ich: „Du bist unglücklich, weil die Liebe dich nicht besucht hat!" - „Und warum kommt sie nicht?" - „Weil du ungeduldig bist!" - „Aber ich bemühe mich, geduldig zu sein!" - „Gut, du hast angefangen!" - „Aber mir geht es immer noch nicht besser!" - „Weil du nicht wohlgesonnen bist!" Ihr werdet sagen: „Diese Dinge sind sehr schön und leicht zu erfüllen, wir werden es tun!"; doch ihr könnt sie nicht voll erfüllen. Ich sage zu euch als Arzt: „Ihr alle seid krank!" Ich habe noch keinen, im wahrsten Sinne des Wortes gesunden Menschen getroffen; nur die Heiligen und die Engel, die den Himmel bewohnen, sind gänzlich gesund; die Menschen kränkeln, wenn auch nicht alle im gleichen Grade. Wenn ein Arzt in euer Haus kommt, wird er euch sagen: „Euer Haus ist nicht hygienisch, weil es nach Norden ausgerichtet ist; verlaßt diese Räumlichkeiten und zieht in ein Zimmer mit Südlage um; haltet die Fenster offen, damit frische Luft und Licht reinkommen; ihr sollt öfters das Bettzeug wechseln; ihr sollt auf die Ernährung achten usw!" Und die Liebe sagt dasselbe: „Euer Zimmer ist nach Norden ausgerichtet, es ist unhygienisch, bewohnt besser ein Südzimmer, damit die Sonne euch wärmen kann!", d.h., sie will euch sagen: „Ihr sollt geduldig und gutherzig sein!" Sie sagt: „Dies sind meine Hände, mit denen ich ununterbrochen arbeite - es sind die Hände der Liebe!" Wißt ihr, wieviel diese zwei Hände wert sind? Sie sind unschätzbare Reichtümer! Habt ihr diese Hände, seid ihr imstande, alles zu tun. Ich wiederhole, ihr sollt unbedingt Geduld und Wohlgesonnenheit besitzen, damit eure geistigen Hände wachsen können. Gebt ihr diese zwei Eigenschaften auf, können eure äußeren Körperteile keine Wirkung entfalten, auch die inneren können sich nicht entwickeln und die Tugenden sich nicht offenbaren. Warum sollt ihr tugendhaft sein? Weil die Tugenden euch alle notwendigen Materialien zur Erbauung eures Hauses liefern, sie verschaffen euch all jene Säfte, die für euer Wachstum nötig sind. Die Tugend ist keine Abstraktion, sondern etwas Wirkliches, das zu bauen imstande ist. Deswegen sollen jene von euch, die mich verstehen können, begreifen, welche Tragweite das Wort "Geduld" besitzt. Ich meine nicht jene Geduld, die es erlaubt, Beleidigungen einzustecken; das ist noch keine Geduld; das Geheimnis der Geduld besteht darin, wenn ihr beleidigt wurdet, die gute Seite der Beleidigung zu finden und sie zu nutzen. Die Beleidigung ist eine sehr harte Nuß, die euch da jemand gegeben hat; ihr sollt sie knacken, den Kern rausnehmen und essen. Wenn ihr es schafft, euch auf diese Weise zu ernähren, werdet ihr völlig gesund. Wenn die Leute über euch schlechte Sachen reden, wenn sie euch schmähen, geben sie euch eine Nahrung und wenn ihr dieses Lebensmittel zu gebrauchen versteht, werdet ihr Zufriedenheit erlangen. Die Leute bewerfen euch mit großen Steinen; zerbrecht sie, weil es in ihnen Reichtümer gibt, die ihr dazu benutzen könnt, reich zu werden. Wenn ihr nach Hause geht, sollt ihr nachdenken und zu Gott dafür beten, die Geduld verstehen zu können. Bis jetzt beschäftigen sich viele Menschen mit Dummheiten, selbst viele Christen wollen groß, berühmt sein, viele Kenntnisse besitzen. Gut, die Kenntnisse kommen von selbst, wenn ihr sie empfangen und nutzen könnt; sie können eine Kraft sein, die euch und euren Nächsten zugute kommt, wenn ihr die Kenntnisse gebraucht, wie es notwendig ist; aber sie können auch zu Ranzen auf dem Rücken des Menschen werden.
Die Liebe beneidet nicht. Um in Erfahrung zu bringen, ob euch die echte Liebe besucht hat, beobachtet euch, ob ihr jemanden beneidet oder nicht. Wenn ihr beneidet, ist es keine Liebe. Die Liebe muß für immer und ewig in unsere Taten einfließen: Sie ist in diesem Leben genauso nötig wie im nächsten und so weiter, und je höher wir uns erheben, desto tiefer wird der Sinn, den wir in ihr entdecken. Wir sollten von nun an diesen Weg gehen: Es gibt keinen anderen Weg, der zum Himmel führt. Ihr sagt: „Dieser Weg ist lang und beschwerlich, geht es nicht auch ohne ihn?" Nein! Ohne ihn können wir alle möglichen Länder besuchen, nicht aber das Reich Gottes. Die Liebe beneidet nicht, sie vergilt Unrecht nicht mit Unrecht, Böses nicht mit Bösem, sie übersteht alles. Natürlich sage ich nicht, daß Neid und Stolz nie mehr euer Herz besuchen werden; manchmal kommen sie wie Gäste vorbei, aber daraus wird man uns keinen Strick drehen können; wesentlich ist, keine Freundschaft mit ihnen zu schließen. Aber manchmal fassen wir den Neid bei der Hand und sagen zu den Leuten: „Jener Mensch ist schlecht, ihr solltet euch besser vor ihm hüten!", und machen dadurch das Leben dieses Menschen schwer und unglücklich. Wie ihr seht, ist der Neid nichts Abstraktes, er repräsentiert die Wesen, die negative Eigenschaften angenommen haben; es gibt sogar Menschen, die der fleischgewordene Neid sind.


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