
Die Träume des Joseph„Dazu hatte Joseph einmal einen Traum und sagte seinen Brüdern davon; da wurden sie ihm noch mehr feind." (Gen. 37:5-11; 39:1-23) Wir fragen uns im Leben oft, warum uns manchmal Unglücke widerfahren. Man meint überhaupt, daß die Leute leiden, um für Sünden zu büßen, die sie bereits begangen haben oder noch begehen werden, und man fängt an, nach Gründen zu suchen. Wir sehen, daß sich das Leben in den beiden Träumen des Joseph widergespiegelt hat, die er seinen Brüdern erzählte. Selbstverständlich deuteten sie die Träume auf ihre Weise und vermuteten, sie seien Ausdruck geheimer Vorhaben und bedenklicher Ziele, und um ihr Wohlergehen besorgt, beschlossen sie, ihn verschwinden zu lassen. Wie ihr seht, waren das keine fremden Leute, sondern die eigenen Brüder. Sie nahmen ihn bei der ersten Gelegenheit gefangen und verkauften ihn an ismaelitiche Sklavenhändler, die ihn wiederum an einen Ägypter verkauften, womit für Joseph die Prüfungen begannen; Gott prüfte seinen Charakter. Das Leben des Menschen ist nichts anderes als eine Prüfung - es ist der Prüfstein, auf dem sich der menschliche Charakter beweisen muß. Das Wertvollste an der menschlichen Seele ist ihr Charakter - und der muß durchs Feuer gehen. Nur wenn er durchs Feuer geht und standhält, kann man von einem wertvollen, beharrlichen, ewigen Charakter sprechen, von einem ewigen Haus, in dem man wohnen kann. Der Charakter ist das Haus des Menschen. Wir sehen, daß auf Joseph Probleme zukommen, eines nach dem anderen. Zu den Problemen aus den beiden Träumen gesellen sich sehr bald auch andere, von denen Kapitel 39 erzählt. Weil er ein schöner junger Mann war, begehrte ihn die Frau seines Leibherren schon nach kurzer Zeit; sie wollte sich mit ihm vergnügen, aber er entgegnete ihr: „Mein Leibherr hat alles in meine Hände gegeben bis auf dich, du gehörst ihm allein, du bist sein Recht, und eine solche Schande könnte ich vor Gott nicht verantworten!" Wir sehen, daß in der Seele dieses jungen Mannes Gott herrschte; alles was er tat, maß er daran, ob es vor Gott zu verantworten ist oder nicht. Er war sich der Unannehmlichkeiten bewußt, die ihm die Abfuhr an einer solchen Frau bereiten könnten, aber er zog die Leiden dem Verrat vor. Wegen dieser Prüfung landete er tatsächlich im Gefängnis. Doch Gott half ihm auch hier. Wenn ihr euch die Kapitel genau durchlest, werdet ihr sehen, daß Gott ihn nie im Stich ließ und ihn durch das Deuten der Träume des ägyptischen Königs wieder herausholte. Wenn wir Prüfungen ausgesetzt werden, kennen wir nicht das Ziel, zu dem uns Gott hinführt. Ihr wollt alle in den Himmel, aber wenn euch jemand fragt, was ihr euch eigentlich unter "Himmel" oder "Paradies" genau vorstellt, werdet ihr keine befriedigende Antwort geben können. Ihr habt vom Himmel gewisse Ideen, die aber genauso unklar sind, wie die Träume des Joseph. Was könnten die Ähren, die Sonne, der Mond für ein Verhältnis zu ihm haben? Sie sagten das Kommen gewisser Ereignisse voraus: Seinen Verkauf, die Versuchung der Frau, die Einkerkerung, seine Befreiung und Erhebung. Nun, was ist dieses Königreich und diese Frau? Ägypten ist das Reich, in dem wir leben, und die Frau unseres Leibherrn, die uns versucht, ist die Welt. Ihr seid Knechte, die man verkauft hat, genauso wie eure Brüder nichts mehr mit euch zu tun haben wollen. Ihr befindet euch in Ägypten. Die Frau des königlichen Beamten bietet euch an, euch mit ihr zu vergnügen - die Welt bietet euch gewisse Güter an und verführt euch. Es ist nicht schlecht, wenn man sich umtut, aber es gibt auch verbotene Dinge. Als Adam noch im Paradies war, erlaubte ihm Gott, alles zu essen, bis auf die eine Frucht - und mit seiner Unfolgsamkeit kamen auch die Leiden. Auch in dieser Welt gibt es verbotene Früchte, und wenn ihr von ihnen eßt, kommen die Leiden als eine zwangsläufige Folge. Viele Leute lieben es, das Geld anderer zu befingern. Sie brauchen es für Häuser, für Vergnügungen, für Reisen auf dem Erdball. Joseph aber sah die Sache etwas anders; er hätte über die Güter der Frau des Hofbeamten verfügen können, aber stattdessen dachte er sich: „Ich ziehe die Güter Gottes denen einer fremden Frau vor!" Die Welt ist eine Frau, die uns nicht gehört. Am nächsten Morgen, nachdem sie ihren Spaß gehabt hat, kann sie euch verstoßen. Eure äußere Schönheit ist es, die sie anzieht. Gleichzeitig liegt der Betrug dieser Versuchung im folgenden: Wenn die Leute uns wegen unseres Äußeren verehren, denken wir gleich, daß es wegen unserer Eigenschaften geschieht. Wir haben einen Sänger, weltgewandt, intelligent, aber alle lieben nur sein Stimmtalent, seinen Hals. Wenn irgendwann seine Stimmbänder ausgeleiert sind, wird man ihn wegwerfen wie eine überflüssige Sache. Die ganze Wertschätzung hängt an einem kleinen Band irgendwo tief im Rachen. Nehmen wir einen großen Geiger, alle verehren ihn, solange er den Bogen führen kann; paralysiert sich dessen Hand, wird keiner mehr was von ihm wissen wollen. Ihr könnt ein guter Erzähler sein, aber alle werden nur solange euren Geschichtchen zuhören, wie ihr sie unterhaltsam erzählen könnt. Wenn eure Stimme brüchig und schrill wird, werden sie euch sagen: „Wir wollen keinen Erzähler ohne Stimme!" Die Frau, solange sie schön ist, wird von allen Seiten umschwärmt; ihre Schönheit verblaßt, aus der intensiven Farbenpracht werden verwelkte Nuancen, man gibt ihr zu verstehen: „Du kannst nicht mehr mithalten, zieh dich zurück, denn es gibt andere, die deine Aufgabe jetzt besser erfüllen können!" Joseph wußte von diesem Selbstbetrug, von dieser Schlinge, die man sich um den Hals legt - zuerst wirkt sie kleidsam, doch am Ende bricht sie einem das Genick. Er betrachtete stattdessen nur die inneren Dinge, die beständigen, die ewigen, die es einem zu jeder Zeit ermöglichen, Ruhe zu finden und in Übereinstimmung mit Gott zu sein. Wir müssen gegenüber den kleinen Ursachen vorsichtig sein, da gerade sie das Unglück herantragen. Hätte Joseph seine Träume nicht den Brüdern mitgeteilt, wäre ihm das ganze Unglück erspart geblieben. Es stellt sich euch die Frage: Wäre es dann nicht unter anderen Vorzeichen gekommen? Es gibt Prüfungen, denen man sich nicht entziehen kann. Ich will euch nichts von den inneren Gesetzmäßigkeiten erzählen, sondern sagen, daß es Dinge gibt, die ausschließlich von Gott bestimmt werden. Wenn wir so listig sein wollen und versuchen, den kleinen Dingen auszuweichen, kommen die Großen, an denen wir dann nicht mehr vorbeikommen. Um die Leiden zu neutralisieren, müssen wir uns an Joseph ein Vorbild nehmen. Wir dürfen uns auf keinen Fall vorgaukeln, daß wenn der heutige Tag "gut" verläuft, die ganze Zukunft wie die Oberfläche eines stillen Sees sein wird - von keiner Brise gewellt. Diese Prüfungen sind notwendig. Warum? Ich gebe euch einen Vergleich: Um einen tiefen Fluß zu überqueren, braucht ihr ein Boot; um an das andere Ende des Ozeans zu kommen, braucht ihr einen Dampfer, der sich Glaube nennt. Und auch die Prüfungen oder Leiden sind wichtig - sie sind der Treibstoff, eure Fahrkarten. Jeder, der versucht, das göttliche Gesetz zu umgehen, ist ein dummer Mensch. Jeder, der sich ständig bemitleidet: „Warum setzt mich Gott bloß diesen Leiden aus?", ist nicht viel klüger. Jener aber, der sagt: „Ich will ihren Sinn erfahren!", und ihnen für ihr Kommen dankbar ist, ist verständig. Beachtet: Als die Leiden auf Joseph eindonnerten, versuchte er nicht, sich zu verbiegen, sondern blieb standhaft und empfing sie mit erhobenem Haupt, mit Freude in der Seele und Dem Herrn dafür dankend, daß er, obwohl er sich am Hof des Königsbeamten befand, wo es alles gab, nicht überheblich wurde. Dadurch, daß ihm Gott viel größere Güter zu geben vermag, ließ er sich auch nicht von den Gütern hinreißen, die die Frau ihm anbot, da er sich sagte: „Ich darf mich nicht beirren lassen, viel mehr als auf dem ersten Blick scheint, hängt hiervon ab!" In diesem Zusammenhang bedeutet die Freude, leider, Sünde. Worin besteht die Sünde? In allem, was nichts hervorbringt, keine Früchte trägt, wenn man es vergräbt. Eine Frau, die verkuppelt, sich ständig greifbar macht, ohne zu gebären, begeht eine Sünde. Jede Handlung, die kein Leben in sich trägt, ist eine verbrecherische Verschwendung göttlicher Energie. Wenn euch jemand dazu anstachelt, eine Sünde zu begehen, will er, daß wir unsere göttliche Energie verschleudern. Trinkt ordentlich Wein, und am nächsten Morgen wird euch der Kopf wehtun; was habt ihr damit gewonnen? Seid ihr klüger, weiser, bessser geworden? - Eben nicht! Warum sollten wir Dinge tun, die für unseren Charakter nutzlos sind? Wir müssen uns im Rahmen der Vergnügen bewegen, die rechtens, natürlich sind. Nehmt ein Mädchen und einen Buben, die mit Puppen und Schaukelpferd spielen. Diese Dinge bereiten ihnen auf der einen Seite Freude, auf der anderen, fördern sie ihre Entwicklung und bereiten sie auf zukünftige Aufgaben vor. Es gibt auch in der Erwachsenenwelt Vergnügen, aus denen man einen gewissen Nutzen ziehen kann. Es gibt aber auch Vergnügen, die immer die Zer-störung der menschlichen Gefühle, Kräfte und der Errettung in sich tragen. Das unrechte Leben, die sogannte versteckte Liebe, der manche Männer und Frauen frönen, wirkt sich auf Herz und Verstand zersetzend aus. Ihr liebt jemanden, fragt euch, ob ihr damit Gott gerecht werdet, ob ihr dem, den ihr liebt, wirklich einen Gefallen erweist, oder nicht vielmehr seinem Herz und seinen Verstand Schaden zufügt. Joseph war jung und unbefleckt; eine lüsterne Frau wollte ihn besudeln, er aber gab sich ihr nicht hin. Er schützte seinen Ruf, von dem anderenfalls nicht einmal die Erinnerung übriggeblieben wäre. Beachtet, zuerst wurde die Frau, Eva, geprüft, die die Prüfung nicht bestand. Und dann - ihr Mann. Jetzt ist der Mann an der Reihe. Die Schlange versuchte Eva im Paradiesgarten: „Schau, wenn du von diesem Baum probierst, wirst du Wissen gewinnen, Kraft und Weisheit, du wirst wie Gott!" Eva nahm die Einladung an und sagte: „Für Großes bin ich bereit, ich werde diesen Schritt tun!", denn ein Vorsatz bestand schon. Dieselbe Schlange erschien Joseph in der Form einer Frau, die ihm zuflüsterte: „Komm mit mir...!"; er entgegnete ihr: „Nein!" Dannach kamen die Leiden; aber auch der Aufstieg. Mann und Frau stellen zwei Prinzipien dar, zwei große Kräfte, vernünftig und handelnd: Die eine Kraft ist die aktive, die andere die passive, die eine dynamisch, die andere duldend; zwei Zustände in der Natur, die sich abwechseln. Gott gibt nicht nur, manchmal nimmt er auch. Auf der einen Seite gibt er, auf der anderen nimmt er. Auf der einen Seite, schickt der Ozean Feuchtigkeit zur Dürre, auf der anderen, kehrt die Feuchtigkeit über die Flüsse und den Regen wieder in den Ozean zurück. In diesem Sinne sind Mann und Frau zwei Prinzipien, die arbeiten. Das eine Prinzip ist schöpferisch, genannt Mann, Gott; das andere passiv, genannt Frau oder Der Herr; es ist ein und dasselbe. Folglich müssen wir gegenüber beiden Momenten im Leben, gegenüber beiden Prinzipien, aufrichtig sein. Wenn die Welt es erfordert, Güter zu erlangen, werden wir es nur dann tun können, wenn wir uns auf diesen göttlichen Prinzipien bewegen. Wenn ihr Ihm gegenüber aufrichtig seid, werdet ihr alle Wünsche eures Herzens und eures Verstandes erreichen können. Ihr könnt sie nämlich nur auf eine Weise erreichen - über Gott. Nur er kann eure Wünsche und Hoffnungen befriedigen. Die Mutter zieht das Kind auf, der Lehrer bringt den Schülern etwas bei: Es ist unmöglich, daß sich das Kind ohne Mutter aufzieht, und der Schüler ohne einen Lehrer Wissen erwirbt. Joseph hörte auf die Stimme seines Lehrers, der in ihm war - Gott, der ihm die großen Gesetze der Bewegung beibrachte. All unser Streben im Leben muß darauf ausgerichtet sein, unseren Charakter zu bilden. Wie? Der Charakter ist aus Gedanken und Gefühlen zusammengesetzt, aus positiven Kräften. Wir dürfen das Leben nicht so auffassen, wie es einige tun, in dem eingeschränkten Rahmen des Gelehrten, des Arztes, des Philosophen; nein, wir müssen das Leben soweit auskosten, wie es Gott nach außen hin begrenzt hat. Alle Leute sehen im Leben nur Fragmentstücke: Die moderne Wissenschaft zeigt nur einen Teil der Dinge; das Genie eines talentierten Musikers umfaßt nur ein kleines Feld, der Verstand des Theoretikers ebenso; die Kraft eines gesunden Menschen ist nur durch seine Muskeln begrenzt. Doch einige sagen: „Stark im Verstand". Stark im Verstand kann nur jemand sein, wenn seine Kraft in Verbindung mit allen göttlichen Gesetzen steht und mit allen Wesen harmoniert, die ihn umgeben, von den niedrigsten bis zu den höchsten. Dann kann sein starker, fähiger Charakter alles erreichen, da alle Wesen mitwirken. Wenn wir in Opposition zu diesen göttlichen Gesetzen leben, bildet sich ein Zwiespalt in unserem Verstand, der die Mißerfolge anzieht, die wir tagtäglich antreffen. Warum haben wir keinen Erfolg? Unser Verstand ist zweigeteilt; wir wollen Gutes tun, ohne zu merken, daß das, was wir gerade tun, schlecht ist. Wir glauben, daß das, was wir vorhaben, vernünftig ist und sich realisieren läßt; wir drehen und wenden es, verschieben es nach oben und nach unten, machen und tun, aber es will einfach nicht klappen. Irgenwann fragen wir uns dann, warum es mit uns nicht vorwärts geht, und stattdessen unsere Erscheinung abnimmt und verblaßt. Wir selbst bringen unser Leben oft unnötigerweise durcheinander. Es macht Sinn, das Wasser zu trüben, wenn man vorhat, Fische zu fangen, es aber andauernd zu trüben, obwohl man dieses Gewässer schon längst leergefischt hat, ist weniger einleuchtend. Manchmal gerät die Frau über ihren Mann in Zorn und trübt ihm das Wasser. „Was willst du? - Einen neuen Rock?! - Da hast du ihn!", sagt in solchen Fällen der Mann. Das Wasser klärt sich auf. Am nächsten Tag will die Frau wieder Fische fangen - wieder trübt sie das Wasser. Diesmal will sie einen Seidenrock und eine Uhr. „Hier, da!"- antwortet der Mann. Doch, dieser Mann verliert eines Tages seine Stellung, hat kein Geld mehr; was macht er? Er haut ab! Das heißt, der See trocknet aus, verliert nicht nur die Fische, sondern auch sein Wasser. Was kann die Frau da noch trüben? Ständig das Leben zu trüben und sich damit selbst zu belästigen, das ist kein Anzeichen dafür, daß man das Leben verstanden hat. Wir trüben und trüben, und irgendwann sind wir tot. Ihr habt euch über den Tod Gedanken gemacht? Er ist auf vielen Abbildungen folgendermaßen dargestellt: Ein Mensch, nur noch aus Knochen bestehend, mit einer Sense in der Hand. Habt ihr nachgeprüft, ob es wirklich so ist? „Das nicht, aber Vater und Mutter haben mir erzählt, daß es so ist!" Es wird wohl wahr sein, aber habt ihr euch darüber Gedanken gemacht, warum er so und nicht anders dargestellt ist? Es ist ein Mensch ohne Muskeln. Ihr müßt rein wie die Knochen werden, die ja bekanntlich weiß sind. Alles, was nicht rein ist, wird abgeworfen werden. Nur die Wohlgesonnenheit, das Streben zum Guten, wird zurückbleiben. Folglich habt ihr etwas, an das ihr euch festhalten könnt. |
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